Pille absetzen: Der Trend zu mehr Natürlichkeit

Pille absetzen liegt im Trend

Immer mehr Frauen schwören der Pille ab. In den Sechzigern als Instrument sexueller Befreiung gefeiert, wird die Kritik an der Pille heute immer lauter. Was steckt hinter dem Trend Pille absetzen, was sind die Gründe für die sinkende Beliebtheit dieses Verhütungsmittels und was passiert eigentlich, wenn ich sie absetze?

Pille absetzen – ein anonymer Erfahrungsbericht

Im Internet gibt es unzählige Erfahrungsberichte über junge Frauen, die die Pille absetzen. Aus Überzeugung. Viele dieser Berichte ähneln sich. Sie waren jung, sie nahmen die Antibabypille. Eine Selbstverständlichkeit, die spätestens mit Ende 20 hinterfragt wird. So ging es auch einer unserer Autorinnen.

Pille absetzen Erfahrungen
Photo by Keenan Constance on Unsplash

Ich bin 31 Jahre alt, habe keine Kinder und möchte derzeit auch keine. Die Pille habe ich trotzdem abgesetzt. Kann ja nicht gesund sein, sich jahrelang Hormone reinzupumpen, dachte ich. Aber eigentlich ging es mir gut mit der Pille. Ich habe sie immer gut vertragen, sie nur selten vergessen, sie hat mir seit dem 16. Lebensjahr zuverlässig gesagt, wann meine Periode kommt, mir zu großen Möpsen und schöner Haut verholfen, und das Wichtigste – mich davor bewahrt, schwanger zu werden (danke, Pille – good Job!).

Wie alles begann…

Angefangen hat meine Pillen-Ära – wie bei den meisten Mädchen – mit fieser Akne und dem ersten Freund. Ich ging zum Frauenarzt, es gab eine gynäkologische Untersuchung und Hormone auf Rezept. Die Aufklärung beschränkte sich auf: „Aber die Pille schützt nicht vor Geschlechtskrankheiten, okay?!“. Ich erinnere mich nicht, jemals Worte wie Embolie- oder Thrombose-Risiko gehört zu haben. Was ich hörte, war: „Die Pille schützt am besten vor einer Schwangerschaft und deine Akne kann sie auch verbessern“. Ich, geplagt von jugendlicher Problemhaut, war glücklich. Zudem gab es meine hellrosa Begleiter bis ich 20 wurde noch kostenlos, während Kondome ja Geld gekostet hätten. Jackpot. 

Die Pille war mit 16 wie ein Abzeichen fürs Erwachsenwerden. Ich führte sie stolz meinen Freundinnen vor und trug sie stets im Portemonnaie bei mir. Ein Pillenalarm im Handy meldete sich täglich um 18:00 Uhr. Oftmals nahm ich sie gemeinsam mit meinem Freundinnen ein, an den Wochenenden spülten wir sie manchmal mit Wodka-Energy runter und rauchten hinterher eine (sorry, Mama!). Heute, mit 31, sieht mein Leben so aus: mitten im Arbeitsleben, feste Beziehung, das Rauchen endlich aufgegeben, gesunder Lebensstil, Haut okay. Ich achte auf meinen Körper und die Signale, die er mir sendet. Der nächste logische Schritt für mich war das Schlussmachen mit der Pille. Ein bisschen fühlte es sich an, wie sich aus einer eingeschlafenen Beziehung zu befreien. Man weiß, dass es gut für einen ist, aber es war doch so bequem…

Mein Leben mit einem neuen Körpergefühl

Seit etwa einem Jahr werfe ich keine Pille mehr ein. Ich messe jeden morgen meine Temperatur mit einem Verhütungscomputer. Es ist easy. Rot heißt Kondome, grün heißt los geht’s. Mit 16 Jahren wäre das aber sicherlich nicht das Richtige für mich gewesen, da es weniger sicher ist und man sehr diszipliniert damit umgehen muss (Anm. d. Red. Pearl-Index von 1-3). Aber heute in meinen Dreißigern, in einer festen Partnerschaft und einem festen Job ist sie adäquat. Eine Schwangerschaft wäre immerhin keine ultimative Apokalypse mehr. 

Über die Folgen der hormonellen Umstellung im Körper hatte ich vorher viel gelesen und war bereit, sie hinzunehmen. In der Tat wurden meine Regelschmerzen in den ersten Monaten ohne Pille schlimmer und meine Haarbürste zeigte mir nach jedem Bürstenstrich, was ich so abwarf. Das ist heute vorbei. Meine Periode kommt regelmäßig und tatsächlich freue ich mich Monat für Monat drüber. Sie zeigen mir, dass mein Körper gesund ist.

Erstmals fühle ich die Abläufe in meinem Körper – und ich liebe es. Meine Brüste sind mal druckempfindlich und hart, mal herrlich knetbar. Ich kenne die Beschaffenheit meines Zervixschleims. Vor einer Weile kannte ich noch nicht einmal das Wort. Damit weiß ich – ohne auf die Pillenpackung zu schauen – wo ich mich in meinem Zyklus befinde. Und ich merke es ganz deutlich an einer weiteren Sache: Meiner Lust auf Sex (halleluja!).

Whoop Whoop

Immer wieder liest man, dass die Pille die Libido lähmt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das auch bei mir der Fall war. Bis ich sie abgesetzt habe. Ich hatte zwar auch mit Pille Sex und Lust darauf, aber immer nur in sexuellen Momenten – ich brauchte immer einen Schubs von außen. Küsse oder so. Sexuelle Gedanken aus heiterem Himmel kannte ich nicht. Ich dachte, das sei Männersache. Nun spüre ich, dass ich auch abseits des Schlafzimmers ein sexuelles Wesen bin. Das haben mir die Hormone 15 Jahre lang vorenthalten.

– Eure M.

Der Siegeszug der Pille

In den Sechzigern galt die Pille als sexueller Befreiungsschlag. Sie wurde als „Meilenstein der Geschichte der Emanzipation“ (Frauenrechtlerin Alice Schwarzer) gefeiert, war sie doch ein einfach anzuwendendes und wirksames Verhütungsmittel, mit dem Frauen erstmals ihre Sexualität selbstbestimmt und ohne die Angst vor ungewollten Schwangerschaften ausleben konnten. Was folgte, war der berühmte „Pillenknick“ ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre – der markante Rückgang der Geburtenraten nach der Baby-Boomer-Phase. Nach neuesten Theorien sind diese geburtenschwachen Jahrgänge aber nicht nur der Verbreitung der hormonellen Kontrazeptiva zuzuschreiben.

Auch wenn herrschende Moralvorstellungen und konservative Denkmuster es der Pille zunächst schwer machten, hat sie einen beeindruckenden Siegeszug hinter sich. Heute nehmen 6 bis 7 Millionen Frauen in Deutschland die Pille. Sie ist damit die beliebteste aller Verhütungsmethoden. Eine Befragung von 2011 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab, dass 53% der 18- bis 49-Jährigen die Pille nehmen; weitere 3% andere hormonelle Methoden.

Mehr als die Hälfte der jungen Frauen ab dem 17. Lebensjahr bekommt ein orales Kontrazeptivum verordnet.* Unter den 19-Jährigen schlucken gut 70% die Pille. Sie gilt bei korrekter Anwendung als sehr sicher. Höchstens eine von 100 Frauen wird pro Jahr ungewollt schwanger trotz Pille. Dies besagt ihr niedriger Pearl-Index von 0,1 bis 0,9. Zum Vergleich: Kondome haben einen etwas höheren Pearl-Index von 2 bis 12, d. h. 2 bis 12 Frauen von 100 werden pro Jahr trotz Kondom schwanger.

*Pillenreport 2015 der Techniker Krankenkasse

Pille absetzen: Was ist dran am Hype?

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Laut Österreichischem Verhütungsreport ist die Pillennutzung bei den 21- bis 39-Jährigen von 2012 bis 2015 um 7% zurückgegangen. Besonders Frauen um die 30 wenden sich von der Pille ab. Was steckt dahinter? Ist es ein flüchtiger Hype, Panikmache, eine Vernunftsentscheidung oder einfach nur Pillepalle?

Es scheint ein Umdenken in unserer Gesellschaft zu geben, eine größere Informationsbereitschaft und ein intensiveres Hinterfragen von hormonellen Verhütungsmitteln. Die Frage „Warum sollte ich ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel nehmen, obwohl ich gar nicht krank bin?“, wird immer wieder gestellt. Die Pro-Argumente wie weniger Menstruationsbeschwerden, größere Brüste, bessere Haut und einen „regelmäßigeren Zyklus“ ziehen immer weniger.

Auch auf YouTube wird das Thema Pille absetzen stark thematisiert und diskutiert. Beliebte YouTuberinnen wie Mrs. Bella und Dagi Bee mit mehreren Millionen Abonnenten sprechen in ihren Videos ganz offen über ihre (negativen) Erfahrungen mit der Pille, die Nebenwirkungen, das Absetzen und ihre hormonfreien Alternativen. Dies ist ein Grund für die rückläufigen Zahlen des hormonellen Kontrazeptivums. Ein anderer sind die Berichte über ein erhöhtes Thrombose-Risiko durch die Pillen der 3. und 4. Generation, die dem Pillenreport 2015 der Techniker Krankenkasse folgten.

Die Pille und Thrombose-Gefahr

Zur Erklärung: Die Antibabypille gibt es aktuell in 4 Generationen. Alle enthalten die weiblichen Hormone Östrogen und Gestagen, allerdings in unterschiedlicher Dosierung und Kombination. Während die ersten beiden Generationen eine große Menge Östrogen und das Gestagen Norethisteron enthielten, haben die neueren Pillen eine wesentlich geringere Menge an Östrogen und werden mit einem anderen Gestagen (Levonorgestrel) kombiniert. Bei den Antibabypillen der 3. und 4. Generation wurden neu entwickelte Gestagene wie Gestoden, Desogestrel und Drospirenon verwendet.

Der Studie zufolge ist die Thrombose- und Embolie-Gefahr in Venen oder Lunge bei den Pillen der 3. und 4. Generation eineinhalb bis zweimal so groß wie bei den älteren Generationen. Für Frauen, die rauchen, älter als 35 sind oder familiär vorbelastet sind, steigt das Risiko noch einmal. Statistisch bedeutet das, dass 10 bis 12 von 10.000 Frauen, die eine der neuen Pillen einnehmen, pro Jahr an einem gefährlichen Blutgerinnsel erkranken, während es bei der 2. Generation nur 5 bis 7 Frauen sind. Bei Frauen im gebärfähigen Alter ohne hormonelle Verhütung tritt dies im Jahr bei 2 von 10.000 auf.

Gründe: Deshalb schwören viele Frauen der Pille ab

Die Einnahme der Pille bedeutet einen Eingriff in den Hormonhaushalt. Dies hat so einige unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen zur Folge. Das schwerwiegendste Risiko ist die eben erwähnte erhöhte Thrombose- und Embolie-Gefahr. Aber auch die Liste an weiteren möglichen Nebenwirkungen ist lang:

Die Verminderung der Libido bemerken viele Frauen erst, wenn sie die Pille absetzen, da sie sie bereits seit dem Teenager-Alter einnehmen und es gar nicht anders kennen. Frauen (er)tragen neben den physischen und psychischen Risiken der Pille aber auch die organisatorische Last. Sie müssen an die Einnahme denken, neue Rezepte beim Frauenarzt sowie die Tabletten in der Apotheke besorgen. All dies sind Gründe dafür, dass Frauen derzeit vermehrt die Pille absetzen. Und dann ist da noch die Frage, warum eigentlich sie allein die Verantwortung für die Verhütung tragen sollen…

Wo bleibt die Pille für den Mann?

Hormonelle Empfängnisverhütung ist seit der Markteinführung der Pille reine Frauensache. Vor allem deshalb, weil es noch immer kein männliches Äquivalent für die Pille gibt. Für Männer gibt es für die selbstbestimmte Verhütung lediglich die Möglichkeit von Kondomen, einer Vasektomie (Sterilisation durch Durchtrennung der Samenleiter) oder Coitus Interruptus  einer wirklich, wirklich schlechten Idee. Der Pearl Index für das „Rausziehen“ vor der Ejakulation liegt zwischen 4 und 30. Sicher ist anders!

Es sind bereits mehrere hormonbasierte Verhütungsmethoden für den Mann entwickelt worden, die die Spermienproduktion einstellen würden. Allerdings wurde die Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 2011 abgebrochen, da bei 10% der Probanden erhebliche Nebenwirkungen auftraten  wie Gewichtszunahme, Akne und Depressionen. Also denen der Pille für die Frau äußerst ähnlich. Spezialisten bestätigen in diesem Zusammenhang, dass die Antibabypille für Frauen nach aktuellem Forschungsstand heute nicht mehr am Markt zugelassen werden würde. Autsch.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum die Pille für den Mann auf sich warten lässt – es ist schlichtweg kein lukratives Geschäft. Die Pharmahersteller haben kaum Interesse an der Entwicklung neuer Verhütungsmittel, denn die herkömmliche Pille ist ein Milliarden-Markt. Warum sollten sie auch in neue Mittel, dessen Absatzzahlen unklar sind, investieren, wenn sich Altbewährtes immer noch auszahlt?

 

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